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Der schwere Weg des Aufbaus

1948

Der schwere Weg des Aufbaus

Stöhnend richtet sich Luise Kleinnagel auf. Der Rücken schmerzt von der stundenlangen harten Arbeit. Wie fast jeden Tag steht sie mit den anderen Frauen hier am zerstörten Altstädter Rathaus und säubert Ziegelsteine von Mörtelresten. Schleppt, hämmert, reißt sich die Finger auf, verschluckt sich am Staub Dresdens. Dresden, nie hätte Luise gedacht, einmal hier in Sachsen zu landen. Aber der Krieg hat viele Lebensläufe ganz drastisch geprägt.

 

Als Luise 1910 in Breslau geboren wird, herrscht noch der Kaiser. Sie ist acht, als der Erste Weltkrieg endet, aus dem ihr Vater nicht zurückkehrt. Schon früh muss Luise im Haushalt mithelfen. Sie hat geschickte Hände, näht, stickt, lernt Schneidern. Dank der fleißigen Hände der Mutter und der Schwestern schaffen sie es durch die unruhigen Zeiten.

1930 lernt Luise den Metallarbeiter Alfred Kleinnagel kennen. Die beiden verlieben sich und heiraten. Die Familie wächst schnell. Luise, ihr Mann und die drei Kinder richten sich in der schlesischen Stadt ein.

 

Der Zweite Weltkrieg verändert alles. 1941 erhält Alfred den Marschbefehl. 1942 erhält Luise die Nachricht von seinem Tode in der Ukraine. Von nun an muss sich die junge Frau mit den Kindern allein durchbringen. Als die Rote Armee gegen Breslau zieht, schaffen sie es Mitte Januar im eisigen Winter 1945 noch mit einem Tross aus der Stadt. Der Marsch geht Richtung Westen. Wie ein Wunder kommt Luise vor, dass sie es mit ihren Kindern geschafft hat. Am 20. November 1945 kommen sie in Dresden an und finden Unterkunft in einem Notquartier. An diesem Tag beginnen in Nürnberg die Prozesse gegen die Kriegsverbrecher.

 

Nun, im Jahre 1948 haben sich die Kleinnagels schon etwas eingerichtet. Den Schmuck, den sie vor der Flucht in der Wäsche eingenäht hatte, musste sie schon beim Hamstern und auf dem Schwarzmarkt einsetzen. Und das Sparbuch bleibt als sogenanntes „Uraltguthaben“ bis zur Währungsreform 1948 gesperrt und wird dann im Verhältnis 10:1 umgewertet.

 

Luise Kleinnagel verdient wenig in der Schneiderei am Rande von Dresden. Mit dem Enttrümmern kann sie Geld für zusätzliche Lebensmittel verdienen. In den neuen HO-Läden gibt es sogar wieder etwas zu kaufen. Nach und nach normalisiert sich das Leben. Die Kleinnagels haben eine neue Heimat gefunden.