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Mit Volldampf voraus

1839

Mit Volldampf voraus

Der erste Spatenstich für das anspruchsvolle Vorhaben erfolgt am 1. März 1836. Nach nur dreijähriger Bauzeit nimmt die erste deutsche Fern-Eisenbahn-Linie am 7. April 1839 ihren Betrieb auf. Für die Strecke benötigt die Lokomotive SAXONIA eine ganze Ladung Kohle. Die Heizer sorgen dafür, dass die rollenden Dampfmaschinen immer genügend Druck auf dem Kessel haben. Einer von ihnen ist Karl Brunner.

Es ist schon warm an diesem Tag im Frühsommer des Jahres 1839. Der Lokomotivführer gibt mit der Dampfpfeife das Abfahrtssignal und löst die Bremse. Zischend strömt der heiße Dampf aus dem Kessel. Ächzend beginnen die Kolben die Kuppelachse zu drehen und langsam setzt sich der eiserne 15-Tonnen-Koloss in Bewegung. Die Fahrt geht vom Leipziger Bahnhof in Dresden über reichlich 100 Kilometer zum Dresdner Bahnhof in Leipzig.

Die SAXONIA ist die erste betriebsfähige deutsche Lokomotive. Das technische Wunderwerk wird hier ganz in der Nähe gebaut. Die Maschinenbauanstalt in Übigau unter der Leitung von Johann Andreas Schubert hat sich an das risikoreiche Unterfangen gewagt und die Lokomotive nach englischen Vorbildern konstruiert, verbessert und gebaut.

Zu zweit stehen sie auf dem offenen Führerstand der SAXONIA: Lokführer Erwin Himmel und sein Heizer Karl Brunner. Bei Wind und Wetter sorgen die beiden dafür, dass der Fahrplan eingehalten wird. Immer wieder hört der Heizer von seinem Vorgesetzten: „Karl, leg noch ´ne Schippe mehr drauf!“

Am Anfang wurden nur Güter mit dem Zug transportiert. Die Menschen fürchteten, bei zu hohen Geschwindigkeiten Schaden zu nehmen. Fünfzig Stundenkilometer galten als tödlich. Darüber muss Karl Brunner immer noch schmunzeln, wenn er hinter sich auf den Zug schaut. Dort gibt es inzwischen sogar einen Waggon für Passagiere. „Die Fahrkarte könnten meine Familie und ich uns selten leisten“, denkt Karl Brunner. „Nur für die gut betuchten Leute ist das Zugfahren überhaupt erschwinglich.

Der Heizer ist mächtig stolz auf seine Anstellung bei der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie. Immerhin ist  der Dreißigjährige der erste Mann in seiner Familie, der nicht mehr unter einem hochwohlgeborenen Adligen arbeitet. Er ernährt mit seiner Hände Arbeit seine Frau Isolde und die vier Kinder. Nur ein paar Taler erhält Karl pro Woche. Ein Großteil dieses schwer verdienten Geldes braucht die Familie für Wohnung, Essen, Kleidung und das Schulgeld des ältesten Sohnes.

Und dennoch gelingt es Isolde Brunner jeden Monat, ein wenig Geld zur Seite zu legen und auf das Konto bei der Dresdner Sparkasse einzuzahlen. Auf dem Weg ins Altstädtische Rathaus – dort befindet sich zu der Zeit die Sparkasse – malt sich die junge Frau aus, was die Familie sich mit dem Ersparten leisten könnte. Und so wächst auf dem Konto ein kleines Sümmchen, das die Brunners ein wenig ruhiger schlafen lässt.